Wein und Geschichte

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Der „goldene Ring“ ist in Alzenau kein wertvolles Schmuckstück, kein Geheimbund, sondern eine ruhige Straße im Stadtteil Hörstein.

In Norden des Frankenlandes liegt das kleine, aber feine Weinbaugebiet von Hörstein, Wasserlos und Michelbach. Die drei Stadtteile von Alzenau blicken auf eine über 1000-jährige Weinbautradition zurück. Die Anfänge des Weinbaus gehen auf die Äbte des Klosters Seligenstadt zurück.

Wir besuchten die Weinbaufamilie Theo Hubert, alteingesessene Weinbauern, Im Goldenen Ring 23, in Alzenau-Hörstein.

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Im gemütlichen Innenhof ihres Weinbaubetriebs erfuhren viel Wissenswertes über den Weinanbau und die Geschichte des Ortes Hörstein. Von Junganlagen und Jungfernwein, von Rebsorten und Weinausbau, von Äbten und Wehrtürmen. Doch der Reihe nach.

Die Familie von Frau Hubert, die Familie Trapp blickt auf 200 Jahre Weinbautradition zurück. Die Familie wurde damals in Kirchenmatrikeln erwähnt. Auch Theo Hubert stammt aus einer Hörsteiner Weinbaufamilie.

Die Huberts orientieren sich im Weinbau stark am ökologischen Weinbau. Sie verzichten weitestgehend auf den Einsatz chemischer Mittel im Weinberg. Mit Augenmaß und Fingerspitzengefühl sollen sich die Reben gesund entwickeln können.

Die nächste Generation steht schon bereit. Sohn Max ist Weinbautechniker und Tochter Anna begann im Septemer 2011 eine Ausbildung zur Winzerin.

Als wir um ein Interview baten gab uns Theo Hubert freundlich, geduldig und kompetent Antwort auf unsere vielen Fragen.

abT – alles blüht Team (Stefan und Ursula) :

Was macht den Wein aus dieser kleinen Region so verschieden zu den großen fränkischen Weingebieten um Würzburg und an der Mainschleife?

TH – Theo Hubert:

Wein wird stark von Boden und Mikroklima geprägt. Urgesteinsboden aus Glimmerschiefer und Gneis lassen hier bei uns einen mineralischen Wein mit einer fruchtigen Säure reifen.

abT:

Welche Weinlagen gibt es bei euch in Hörstein?

TH:

Bei uns gibt es zwei Lagen: den Reuschberg und den Abtsberg. Der Abtsberg bekam seinen Namen von den Äbten von Seligenstadt. Der erste urkundliche Nachweis besagt, dass Abt Beringer vom Benediktinerkloster Seligenstadt vor über 1000 Jahren einen Weinberg hier bei uns in Hörstein erworben hat.

abT:

Dann ist Hörstein schon ein sehr alter Ort?

TH:

Ja, Hörstein sieht auf eine lange und bewegte Geschichte zurück. Es stand früher unter hessischer Verwaltung, deshalb auch die Verbindung vom hessischen Seligenstadt zum, heute fränkischen – also bayrischen, Hörstein.

Die Ringmauer um Hörstein ist 400 Jahre alt und und der heutige Kirchturm wurde im 15. Jahrhundert errichtet und war früher ein reiner Wehrturm. Die Kirche wurde erst später drangebaut.

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Der Wehrturm und die Kirche von Hörstein.

Anfang des 17. Jahrhunderts wütete die Pest im Ort. In dieser Zeit war Hörstein auch Gerichts- und Gefängnisort. Hexenprozesesse fanden hier statt und es wurden 139 Männer und Frauen aus der Gegend hingerichtet. Bei einem Spaziergang mit einer der Stadtführerinnen Jeanette Kaltenhauser oder Elke Stais können Besucher interessante Geschichten über Hexen, Pest, Äbte und viele andere Begebenheiten hören.

Nachtrag: Die früheste Notiz über die Existenz Hörsteins geht auf das Jahr 830 zurück und befindet sich im Anhang einer Evangelienhandschrift der Abtei Seligenstadt, die um 830 in Lorsch geschrieben wurde und heute in der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt aufbewahrt wird, (Quelle: http://www.hoerstein.info/geschichte-1/zeittafel/index.html).

Vom schaurig, schönen Mittelalter ging’s zurück in unsere Zeit.

abT:

Herr Hubert, welche Rebsorten werden von ihnen angebaut?

TH:

Die Reben unserer Weißweine sind Müller Thurgau, Kerner, Silvaner und Riesling an. Die Rebsorten unserer Rotweine sind Regent, Spätburgunder und Domina. Rotwein gedeiht hier gut. Er wird in Hörstein erst seit 30 Jahren angebaut.

Die Rebsorte „Domina“ hat übrigens auch einen Bezug zu Klöstern. In früheren Zeiten hießen die Klostervorsteherinnen „Domina“ , daher der Name der Reben.

abT:

Welche Schädlinge bedrohen die Reben und wie schützt ihr eure Anlagen?

TH:

Wir müssen unsere Reben gegen die Reblaus, der Heu- und Sauerwurm und gegen Pilze, wie den Mehltau, schützen.

In Deutschland werden nur Pfropfreben gepflanzt, deutsche Reben die auf amerikanisches Unterholz gepfropft sind. Durch diese Maßnahme wird der Fortpflanzungszyklus der Reblaus unterbrochen. Die amerikanischen Unterhölzer sind reblaustolerant. Die Weinqualität wird, neben der Lage des Weinberges und der Pflege des Weinbauers, von den aufgepfropften deutschen Edelreisern bestimmt. Durch diese Maßnahme gibt es weniger Probleme mit der Reblaus. Ausgerottet ist der Schädling jedoch nicht.

Gegen den Heu- und Sauerwurm gehen wir mit Pheromonbehältern vor. Es werden Sexuallockstoffe freigesetzt, diese überlagern die Duftstoffe der Weibchen. Dadurch verlieren die Männchen die Orientierung und es fällt ihnen viel schwerer die Weibchen zu finden. So wird die Anzahl der Würmer reduziert.

Gegen Pilze, wie gegen den Mehltau, wenden wir Spritzmittel an. Diese Mittel sind jedoch nicht so stark wie sie früher einmal waren. Doch regelmäßige Kontrolle unserer Reben halten wir den Gebrauch der Spritzmittel so gering wie möglich.

Anmerkung vom alles blüht Team: Auch im ökologischen, sprich biologischen, Weinbau kann bisher nicht völlig auf anorganische Pflanzenschutzmittel verzichtet werden. Das Risiko eines totalen Ernteausfalls durch Pilze, wie den falschen und den echten Mehltau, ist zu groß (Quelle: Wikipedia).

abT:

Wann trägt ein Rebstock und wie lange trägt er?

TH:

Eine Junganlage trägt im 3. spätestens im 4. Jahr. Aus der ersten Lese wird der Jungfernwein gekeltert. Dieser Wein hat einen anderen Geschmack als die Nachfolgejahrgänge.

Ein Rebstock hat ca. 20 Jahre einen guten Ertrag. Es gibt allerdings bis zu 100 Jahre alte Weinstöcke. Im Alter trägt er weniger Frucht, doch die Konzentration der Inhaltsstoffe ist oft höher. Wir schneiden unsere Reben bis auf 8 Augen pro Rebe zurück. So erzielen wir bei jungen Reben weniger Ertrag, haben jedoch qualitativ hochwertige und inhaltsreiche Früchte.

   in einem Weinberg der Familie Hubert (Bild mit frdl. Genehmigung Fam.Hubert)

abT:

Wie sieht die Arbeit im Weinberg im Jahreslauf aus?

TH:

Das Jahr beginnt mit dem Rebschnitt. Die Reben werden in Form gebunden. Im Frühjahr beginnt die Zeit der Bodenbearbeitung, damit das natürliche Bodenleben angeregt wird.

Im April oder Anfang Mai beginnt der Austrieb und damit die Zeit des Pflanzenschutzes. Die Reben werden von uns Winzern genau beobachtet. Wird der Termin zum ausbringen der Spritzmittel gegen Pilze versäumt, kann es sein, dass die Ernte in diesem Weinberg für das Jahr vernichtet ist. Auch mir ist das schon passiert.

Während der Wachstums- und Reifezeit muss darauf geachtet werden, dass die Belaubung des Rebestocks nicht zu dicht ist. Die Belüftung ist besser, nach Regenperioden trocknet alles besser ab und die Trauben bekommen genug Sonne.

Im August entfernen wir Trauben, damit die verbleibenden Reben eine höhere Qualität erreichen.

Im September kommt dann der Höhepunkt, die Weinlese. Durch den langen Winter hat sich die Lese in diesem Jahr um ca. zwei Wochen verzögert.

Als Abschluss im Weinbergjahr wird der Boden umgepflügt, dann kann die Winterpause beginnen.

abT:

Wie ist das mit den fränkischen Bockbeuteln?

TH:

Die 0,75 Liter Bocksbeutelflaschen dürfen nur in Franken verwendet werden. Qualitativ hochwertige Frankenweine, ob Riesling, Müller-Thurgau, Silvaner usw. dürfen in diesen Flaschen abgefüllt werden.

Die Flaschenform leitet sich wohl aus der Feldflasche ab. Über die Herkunft des Namens gibt es viele Spekulationen. Er kann vom Bock, der Ziege, abgeleitet sein, ober auch vom Wetzstein, der früher auch „Bock“ genannt wurde.

Auch in Portugal ist diese Flaschenform gängig, doch hat die Flasche dann mehr oder weniger Inhalt als der fränkische Bocksbeutel, auch der Flaschenhals ist ein anderer.

Danke Theo Hubert für die interessanten Antworten auf unsere vielen Fragen.

Unser Fazit: Wer in der Nähe von Alzenau-Hörstein vorbeikommt sollte einen Abstecher in diesen schönen und geschichtsträchtigen Ort machen. Im Goldenen Ring bei Weinbauern Theo Hubert vorbeizuschauen lohnt sich und mit etwas Glück ist die Häckerwirtschaft geöffnet. Hier erwartet den Gast neben einem prima Glas Wein auch passendes, wohlschmeckendes Essen, wie den Spundekäs, Zwiebelkuchen oder ein deftiges Presskopfbrot.

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Wir kommen bestimmt wieder.

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